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Humor – eine schöne Art Grenzen aufzuzeigen…

Wenn Höflichkeit uns daran hindert, Grenzen zu setzen… innerhalb der Familie ist das manchmal besonders schwer…

“Sei höflich! Sei nett zu Tante Hilde….”: Kennen Sie diesen Satz? In meiner Kindheit habe ich diesen Satz jedes Jahr zu Weihnachten eingetrichtert bekommen, wenn DIE Tante alle Jahre wieder  ihren einzigen und unvergesslichen Besuch abstattete. Diese Tante gibt es übrigens nach meiner Erfahrung in jeder Familie und sie heißt meistens Hilde, Elisabeth, Käthe oder Änni; Sie sieht seit 25 Jahren immer gleich aus: Sie ist mit knapp 1,50m etwas zu klein für ihr Gewicht, hat immer weißes Haar mit perfekter Dauerwelle und scheint Wahrheitsserum genommen zu haben, denn sie sagt immer, was sie denkt und das  in einem einzigartigen honigsüßen Tonfall. Das Faszinierende: Aus Höflichkeit lassen die anderen Erwachsenen sie ehrfürchtig gewähren, egal wie unverschämt und verletzend Tantes Anmerkungen sind. Sollte man in einem Anflug kindlichen Trotzes einmal Widerworte geleistet haben, wurde das mit Schimpfen/Ohrfeige oder Klaps auf den Hintern quittiert und damit sofort unterdrückt. Man war nicht höflich….  Mit dem Satz “Sie ist doch nur heute da…” hat sie die Freikarte, alle Bosheiten loszuwerden, die sie ein Jahr lang einstudieren konnte, punktgenau einsetzt und sich dafür auch noch königlich fühlt.

Faszinierend, dass sich solche Verhaltensmuster über so lange Jahre einschleifen und über Generationen weiter gegeben werden, in der es immer eine Tante Hilde, Elisabeth, Käthe oder Änni gegeben hat. (oder vielleicht ist sie auch einfach unsterblich und bleibt über alle Generationen die Gleiche….?)

Aus Höflichkeit wird DIE Tante nicht in ihre Schranken gewiesen…Dabei hat Höflichkeit nichts mit Unterwürfigkeit oder Hörigkeit zu tun. Und Höflichkeit beruht auf Gegenseitigkeit!

Da man verständlicherweise gerade in der Weihnachtszeit Unmut und Streit vermeiden möchte, schickt es sich nicht, diese Tante wütend anzuschreien und ihr den Mund zu verbieten….Ich rate hier zu Humor…eine schöne Art, HÖFLICH, indirekt und nachhaltig auf Grenzen zu verweisen.

Ein Beispiel aus meiner Erfahrung: Weihnachten vor 2 Jahren: Tante Hilde hat sich angekündigt und ich hatte alles PERFEKT vorbereitet und geputzt (sogar den Dachboden aufgeräumt, in den sie aus körperlichen Gründen gar nicht  kommen kann, aber man weiß ja nie….). Wahrscheinlich hätte man in jedem Raum eine Notoperation durchführen können ohne weitere Desinfektion….

Tante Hilde kommt durch die Tür, begrüßt mich kurz und beginnt ihr Stückchen: “Mensch, du siehst aber schlecht aus…Augenringe – hast du viel Stress? und ein wenig zugelegt hast du auch, aber das hast du von deiner Mutter, die ist auch Stress-Esserin…und…” sie wirft einen kritischen Blick über Boden, Schränke etc und fährt fort….”na ja und wenn man so viel zu tun hat, dann kommt der Haushalt und das Putzen oft zu kurz….” ich bin mir sicher, sie haben eigene Referenzerfahrung, die sich gerade aktiviert….

statt mich wie sonst zu ärgern, grinste ich und sagte ihr: “Ach Tante Hilde, das tut mir leid. Du bist einfach zu spät gekommen, letzte Woche war hier alles sauber….”

und ich war erstaunt, was passierte: Tante Hilde guckte kurz verwirrt und verärgert, fasste sich wieder und  ging dann ins Wohnzimmer ohne einen weiteren scharfen Kommentar zu machen – den ganzen Besuch über – wahrscheinlich aus Höflichkeit…..